„Das erste Mal“

Jetzt bin ich seit 2 Monaten da, und immer noch fliegt die Zeit an mir vorbei.
Meine Finger auf der Tastatur kommen den vielen neuen Erlebnissen, Begegnungen und Eindrücken jeden Tag nicht hinterher.
Daher könnt ihr jetzt meinen ersten ausführlicheren Erfahrungsbericht des ersten Monat der die vielen ersten Male zusammenfasst und einen kleinen Eindruck bieten soll, was hier so los ist.


1 Monat sind 4 Wochen

In unserem Fall waren es 30 Tage nachdem uns die Stewardess am Ende des Fluges in Punta Cana einen schönen und wohlverdienten Urlaub wünschte.
Wir, Aron und ich, in einem Flugzeug, die meisten vermutlich All-Inclusive Urlauber. 30 Tage waren es seit dem auch uns die feuchte Hitze der Karibik, wie ein warmes, nasses Handtuch, ins Gesicht klatschte.

Herbst in Stuttgart. 1 Monat war für mich:
4 Wochenenden, Freunde treffen, abends Weggehen.
4 Wochen Schule.
20 Mal klingelt mein Wecker um 6.30 Uhr.
4 Mal Mathenachhilfe und Klavierunterricht.
12 Mal Mittagschule und 6 Klausuren.
8 mal Fußballtraining, am Wochenende Spiele, in Plattenhardt, Bonlanden oder Sillenbuch.
Und 4 mal vor dem Fernsehen oder im Stadion zittern und hoffen, dass der VfB nicht schon wieder verliert.

Doch jetzt ist Los Alcarrizos, ein Vorort von Santo Domingo mit geschätzten 400 000 Einwohnern für das nächste Jahr mein zu Hause.
Im Sportsozialprojekt „Café con Leche“ arbeiten wir zusammen mit Kindern und Jugendlichen aus den Armenvierteln Lecheria und Caballona.

Nach unserer Ankunft verbringen wir die Zeit in unserer WG und in unseren Gastfamilien. Ende September begann für mich ein neuer Lebensabschnitt und ein neues Leben in einer anderen Welt.

Mit unseren Vorgängern Adam und Jascha kämpfen wir uns das erste Mal durch das Verkehrschaos von Los Alcarrizos und Santo Domingo, fahren das erst Mal mit einer „guagua“[1] und setzten uns das erste Mal auf ein „motoconcho“[2]. Wir essen zum ersten Mal dominikanisch Reis mit Bohnen und quetschen uns das erste Mal in ein „carro“[3].Wir trinken unser erstes Bier und spielen das erste Mal Domino vor einem „colmado“[4]
Wir gehen das erste Mal ins Projekt und schauen bei der ersten „practica“[5] zu. Wir lernen Carlos, Präsident von Café con Leche und Titi, schon seit einigen Jahren Trainer im Projekt kennen.

Wir gehen zum ersten Mal in das Batey Lecheria.
Sehen zum ersten Mal die Armut und die einfachen Verhältnisse in denen die Menschen leben. Das erste Mal rennen Kinder auf uns zu und fragen uns nach unseren Namen.
Wir spüren die ersten Blicke der Menschen auf der Straße, die uns und, auf Grund unseres europäischen Aussehens, das Ungewöhnliche beobachten und hören die ersten Rufe: „americano, americano“[6].
Wir treffen zum ersten Mal unsere WG Mitbewohnerin Luz, Schulleiterin der Montessori Grundschule “ Fe y Alegria“.
Ich werde das erste Mal krank, und schon in den ersten Tagen werden wir das erste Mal von einem „Hurrikane“ gezwungen das Haus nicht verlassen zu können.
Ich fahre das erste Mal auf dem Pick-Up von Belen zum „play“[7], spüre den kühlen Fahrtwind in meinem Gesicht und kaufen das erste Mal bei einem colmado „avocados“, „platanos“[8] und „chinola“[9].
In den ersten 4 Wochen habe ich auch zum ersten Mal habe das Gefühl nicht verstanden zu werden und fühle mich zum ersten Mal ein bisschen fremd.
Wir fahren zu den ersten Spielen am Wochenende und spielen selbst das erste Mal. Wir haben die ersten „reuniones“[10] mit den Trainern und dem Team „Café con Leche“.
Das erste Mal Spanischkurs mit Norma, Bildungsbeauftragte bei „Café con Leche“ und Frau von Carlos.
Wir müssen uns das erste Mal nach unserer Ankunft wieder einmal verabschieden. Von unseren Vorgängern Adam und Jascha.
Ich treffe das erste Mal meine Gastfamilie und lebe das erste Mal für 2 Wochen in einer dominikanischen Familie, mit meiner Gastmutter Mercedes, ihrem Sohn Kiki, seiner Frau Ingrid und den drei kleinen Mädels Michelle, Racel und Angelie. Ich bekomme zum ersten Mal Essen für 3 Personen aufgetischt und lebe den ersten dominikanischen Alltag zusammen mit meiner Familie.
Zum ersten Mal leite ich mein eigenes Training und muss zum ersten Mal feststellen, dass es mal mehr und mal weniger gut läuft.
Ich habe meinen ersten schlechten Tag und gehe enttäuscht nach Hause.
Es gibt das erste Mal kein Strom und kein Wasser, ich dusche mich das erste Mal mit einem Eimer Wasser aus der Regentonne und verliere zum ersten Mal mein Handy.
Zum ersten Mal vermisse ich meinen Bruder, meine Freunde und meine Familie. Ich Skype das erste Mal mit zu Hause.
Im ersten Monat gehen wir zum ersten Mal in der Karibik schwimmen, zum ersten Mal sind wir abends in der Stadt bei den Ruinen und ich tanze das erste Mal Bachata und Merengue, wenn man das so nennen kann.
Zum ersten Mal gehen ich ins Fitnessstudio in Los Alcarrizos mit all den „tigres“[11] und spiele das erste Mal zusammen mit den Kindern und Jugendlichen in der Lecheria Fußball.
Ich spüre zum ersten Mal die Hitze. Diese Hitze, die uns immer begleitet und immer begleiten wird. Ich schwitze das erste Mal ohne etwas gemacht zu haben, wie nach einem Dauerlauf.
Ich höre den ersten Straßenverkäufer in der Straße und kann zum ersten Mal wegen der lauten Musik in der Nachbarschaft nicht einschlafen.

Jede Woche und jeden Tag neue Eindrücke, Erfahrungen, ständig Situationen, die ich das erste Mal erlebe und ich immer wieder aus mir herausgehen und meine Komfortzone verlassen muss. Fremde Menschen auf einer anderen Sprache ansprechen, nach dem Weg fragen, über den Preis verhandeln und mich auf den langen und umständlichen Weg in die Stadt machen, sowie alle anderen Situation, die ich in dieser kurzen Zeit das erste Mal sehe, erlebe und fühle.

Jede Woche und jeden Tag Menschen die ich kennenlerne. Menschen die ich immer wieder sehen werde, auf der Straße grüßen werden, Menschen mit denen ich zusammen Arbeiten und Leben werde und Menschen die mir im Laufe des Jahres vielleicht ans Herz wachsen werden.

Es ist schwierig über ein Land, eine Stadt oder eine Kultur zu schreiben, die ich gerade selbst erst kennenlerne und in der das meiste für mich immer noch neu ist. Aber es ist noch viel schwieriger alle Eindrücke und Erfahrungen niederzuschreiben und das Gesehene bewerten zu können.

In meinen Berichten versuche ich möglichst viele Erlebnisse zu beschreiben, sodass man ein bisschen mitfiebern und zum Beispiel den dominikanischen Lebensstil, die viele Musik, die Lebensfreude, die ich bisher erfahren habe mitfühlen kann. Aber auch um einen Eindruck von einem Land mit unglaublichen Gegensätzen und dem Leben der Kinder im Projekt zu bekommen.

Es ist der Verkehr, die Geschichte, die Schulbildung, der Umgang mit Müll, die Religion und die Armut des Landes die mich beschäftigen, beeindrucken, traurig machen und teilweise nicht mit meinem bisherigen Weltbild, dass ich in einer wohlbehüteten Kindheit ohne Ängste, Sorgen und Mangel erhalten habe, übereinstimmen.

In meiner Gastfamilie läuft vieles anders als in meiner Familie in Deutschland.
Der Umgang mit den Kindern, die Verteilung der Rollen aber auch der Familienzusammenhalt sind ein anderer.
Das Wetter bleibt im Gegensatz zu Deutschland in den Monaten November und Dezember heiß und auch der Alltag vieler Kinder unterscheidet sich von dem, wie ich ihn kannte.
Während ich morgens in die Schule ging um Nachmittags und Abends frei zu haben, Fußball zu spielen und meine Freunde zu sehen, gibt es hier drei verschiedene Zeiten zu denen die Schüler in die Schule gehen. Morgens, Mittags und Abends.

Doch dies sind nur wenige Beispiele von vielen die mein Leben in einer anderen Welt beschreiben.

[1] Kleinbusse mit fester Route die bis zu 26 Personen transportieren, Haltestellen gibt es nicht, wer mit will winkt am Straßenrand, wer raus will ruft.
[2] Motoradfahrer die an jeder Ecke auf einen Fahrgast warte
[3] Taxis die auf einer festen Route 6 Personen transportieren, 2 auf dem Beifahrersitz und 4 auf der Rückbank
[4] Tante Emmaläden, die es an jeder Straßenecke gibt
[5] Fußballtraining
[6] auf Grund unseres Aussehens wird davon ausgegangen, dass wir Amerikaner sind
[7] ursprünglich Baseballplatz aber auch Bezeichnung für unseren Fußballplatz
[8] Bananen in allen möglichen Versionen
[9] Passionsfrucht
[10] Versammlung
[11] Begriff der sich über Halbstarker, schlauer Fuchs und echte Gangster definiert

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Ein Gedanke zu “„Das erste Mal“

  1. Lieber Paul, mit großem Interesse und manches Mal auch mit ein bisschen Staunen habe ich Deinen Bericht gelesen. Ja, die Gegensätze in der Dominikanischen Republik sind natürlich viel viel krasser als in anderen Ländern. Aber mittlerweile gibt es Länder, in denen Krieg und Mord herrscht, dazu kommen noch Naturkatastrophen, wie in Syrien. In den letzten Tagen hat auch mal wieder die Erde in Italien gebebt. Auch dort haben viele Menschen alles was sie haben verloren. Wenn man das betrachtet, geht es den Kindern in der Dominikanischen Republik trotz allen Unzulänglichkeiten doch noch relativ gut. Bei uns in Stuttgart hat heute der Weihnachtsmarkt begonnen. Es ist – wie immer – sehr schön und feierlich. Vor allem am Abend, wenn die Lichter angezündet werden, herrscht eine wunderbare Atmosphäre. Mal sehen, ob ich meine Italienische Freundin aus Mailand mit ihrem Sohn, die in Tübingen leben, auf einen Sprung hierher locken kann. Bei uns ist es jetzt winterlich kühl, aber noch haben wir keine Minustemperaturen.

    Nun wünsche ich Dir weiterhin eine interessante Zeit in der „Neuen Welt“ und grüße Dich ganz herzlich aus dem kühlen „Norden“.
    Karin

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