¡Weihnachten im Sommer!

Weihnachten steht vor der Tür und so richtig kann ich es nicht glauben.
Zwar sind schon seit Mitte Oktober alle Straßen und Läden voll mit blinkenden Eiszapfen, Lichterketten und anderem Weihnachtsschmuck.
Die Radiosender und Nachbarn spielen ein Weihnachtslied nach dem anderen und die Plastiknadelbäume stehen schon seit vielen Wochen.
Dennoch fühlt es sich nicht an wie Weihnachten.
Die kalte Jahreszeit. Die meisten Dominikaner sagen sie bekommen die Grippe, weil das Wetter zurzeit etwas kühler ist und wir regelmäßig Regen, das sind heftige tropische Wolkenbrüche, abbekommen. Nach einer halben Stunde scheint schon wieder die Sonne und alles ist trocken.

Es ist eher wie ein deutscher Hochsommer mit Hitzefrei und Freibad.

Weihnachten mit Glühwein, Weihnachtsmarkt und dunklen Nachmittagen ist anders.
Nur mein Adventskalender, mein LED Kerzen – Adventskranz und unser Plastiktannenbaum den wir an das Gitter unserer Galerie gebunden haben erinnern mich immer wieder daran, dass es in 2 Tagen doch schon soweit ist.

Seit dem ich mich das letzte Mal gemeldet habe sind einige Tage und Wochen vergangen und im Projekt und in meinem Leben drum herum viel passiert.

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Unsere Nachbarschaft am späten Abend

Nach Hurrikane „Matthew“ im Oktober lässt gegen Ende November die Natur in der Karibik wieder einmal ihre Kräfte spielen. Heftige Regenfälle im Norden der Insel „Hispanola“ und in der Dom.Rep. führen zu überlaufenden Flüssen, Überschwemmungen und Erdrutschen.
Brücken und Straßen werden beschädigt und einige Menschen in den betroffenen Städten Puerto Plata, La Vega und Santiago verlieren ihr zu Hause und teilweise ihr Hab und Gut.
All das erfahren wir nur über Nachrichten, Fernseher und die Menschen auf der Straße, die von dem vielen Wasser im Norden sprechen.
Der Süden, Santo Domingo und auch wir wurden ein weiteres Mal verschont.
Außer, dass man fast täglich mit einem kurzen und heftigen Regen rechnen kann behalten wir weiterhin trockene Füße.

Nach meinen vielen „ersten Malen“ in meiner Ankunftszeit erlebe ich vieles zum zweiten und zum wiederholen Mal. Einiges wird zur Routine und manches bleibt wie beim „ersten Mal“ neu und ungewohnt. Ich gewöhne mich an den Transport und den Verkehr in Santo Domingo und Los Alcarrizos. Wir gehen am Wochenende regelmäßig in die „Zona Colonial“, sonntags zur Livemusik bei den Ruinen und hinterher in die Bar „Parada 77“. Der Türsteher kennt uns und man trifft immer wieder die gleichen Leute.

Vor einigen Wochen gehe ich alleine abends weg, auf ein Festival in der Zona Colonial und das ist es dann wieder.
Das „erste Mal“ alleine weggehen.
Anfangs ein komisches Gefühl mit niemandem unterwegs zu sein, alleine zu tanzen und Bier zu trinken. Doch schnell lerne ich neue Menschen kennen und knüpfe immer mehr Kontakte außerhalb von Los Alcarrizos, dem Batey und der Projektarbeit.

Dennoch komme ich kaum raus aus Los Alcarrizos und über die Grenzen Santo Domingos. Etwas das ich mir für das kommende Jahr vornehmen werde: Neben der Projektarbeit noch mehr von dem Land, den Menschen und der Natur zu erleben.

Letztes Wochenende kommen wir raus.

Ich fahre mit Aron zu einem Festival nach Punta Cana: „Electric Paradise“.
3 Bühnen. Musik und tanzende Menschen bis die Sonne wieder aufgeht.
„Snoop Dogg“, „DJ Snake“ und „The Chainsmokers“.
Techno und der Geruch von Gras unter den tanzenden Menschen erinnern mich an zu Hause. Das alles an einem Strand mit weißem Sand, türkisblauem Wasser und Palmen. Wir lernen „Carlota“ und seine beiden Kumpels kennen. Was wir anfangs nicht wissen, dass „Carlota“(das ist übrigens sein Künstlername) dominikanischer Comedian und Schauspieler ist. Alle 2 Minuten muss er Fotos mit allen möglichen Menschen machen.

Das einzige was mir zu schaffen macht ist der Wochenendrhythmus der Dominikaner.
Auch unter der Woche gibt es Musik und Menschen auf der Straße die zusammensitzen, Domino spielen und sich unterhalten. Freitag und Samstag wird das ganze dann lauter, später und voller.
Sonntag aber ist der Tag an dem alle ausgehen.
Familien vor den „colmados“, Menschen auf der Straße. Dazu gehört lauter Bachata und Merengue, Rum und Bier. Auch in der Zona Colonial gibt es jeden Sonntag bis um 11 Uhr Live Musik bei den Ruinen und in den Clubs und Bars trifft man bis zum Morgengrauen noch auf tanzende Menschen.
Auch wir machen mit.
Anstatt, frühem Abendessen, Tatort und Vorbereitung auf die kommende Woche, gehe ich sonntags weg als wäre es ein Freitag.

Das Problem ist am nächsten Morgen um 6.30Uhr aufzustehen.

Ich fahre immer wieder mit Mario, dem gleichen „motorista“ und seinem „moto“ zum Platz und in das „Batey Lecheria“, esse im selben „comedor“ einem kleinen Restaurant bei uns um die Ecke und Samstags entspanne ich im „colmado“ von Denzel bei uns in der Straße mit einem frischen Maracuja Saft und schaue Bundesliga: Frankfurt gegen Hoffenheim, reden über mein Lieblingsessen in Deutschland und den Baseball.
Baseball ist Nationalsportart Nummer eins und mit dem Fußball, als Nationalsport in Deutschland, zu vergleichen. Eine richtige Euphorie hat er aber noch nicht in mir ausgelöst. Den Ball mit einem Stück Holz zu schlagen, dann zu rennen oder Minuten lang zu warten bis man einen Ball fangen kann. Hinterher nach komplexem Regelwerk Punkte verteilen. Bei meinem ersten Besuch eines Baseballspiels über ca. 3 Stunden gab es wenige Höhepunkte. Neben einem sehr gering besuchten Stadion in Santo Domingo war auch die Stimmung dem entsprechend nicht mit dem eines Landesliga Fußballspiels zu vergleichen. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sich auch die Auswechselspieler, von denen es sehr viele gab, auch ein wenig langweilen.
Bisher hat mich diese Sportart noch nicht so gepackt, vielleicht auch weil ich es noch nicht verstehe.Aber wer weiß, vielleicht wird das ja noch einmal etwas mit uns:
Dem Baseball und mir.

Unter der Woche fahren wir regelmäßig nach Santo Domingo um Dienstag und Donnerstag abends zusammen mit den Trainern der FCBescola zu kicken, gehen ins Kino oder abends essen.

Einen richtigen Freund habe ich bereits in Belen gefunden.
Schon von der Straße höre ich es rufen: “ ke lo ke monstro“ (= was geht ab Monster) und „fariseo“ (= Pharisäer). Es ist Belen der zu Besuch kommt. Fahrer der Schule „Fe y Alegria“, Gründungsmitglied vom „Club de futból Café con Leche“ in der dominikanischen Republik und der vielleicht am meisten lachende Mensch den ich kenne. Belen und sein weißer Pick-Up sind unzertrennlich Freunde und in ganz Los Alcarrizos und der Lecheria bekannt, es gibt sogar ein Lied über ihn uns seine „camioneta“ (=seinen Transporter), gedichtet von den Kindern der Lecheria. Unter der Woche nimmt uns Belen auf seinem Weg zusammen mit den Lehrerinnen der Schule „Fe y Alegria“ mit zu unserem Platz in Caballona.

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Belen

Seit November sind Norma, Bildungsbeauftragte von Café con Leche, Aron und ich dabei den nach den Schulferien, im Januar neu beginnenden Bildungsteil zu planen. Da wir ein Sportsozialprojekt sind und kein reiner Fußballverein steht auch die Bildung und die Vermittlung von Werten bei uns im Mittelpunkt. Daher wird nach den Ferien der Bildungsteil von Café con Leche obligatorisch für alle Projektkinder und Jugendliche eingeführt. Hausaufgabenbetreuung, Themenwochen und kreative Tage gehören zu unseren Plänen. ¡Vamos a ver!

Dazu besuchen wir im November die verschiedenen Schulen unserer Projektkinder und sammeln Eindrücke von dem Unterricht und dem Bildungssystem in der dominikanischen Republik. Auch hier wird wieder der der Unterschied zu Deutschland und dem für uns „normalen“Schulalltag deutlich. Das fängt an bei der Pflicht von Schuluniformen und endet bei den verschiedenen Unterrichtszeiten. Während für die einen die Schule am Morgen beginnt gehen die anderen am Nachmittag oder sogar „Nachts“ von 6 bis um 9 Uhr zur Schule.

Ein weiterer Unterschied zu Deutschland, dennoch entsprechen die Abläufe und die Standards der Schulen unserer Projektkinder nicht denen der Privatschulen in der Hauptstadt.

Während unserer gesamten Zeit werden wir von diesen Unterschieden innerhalb des Landes begleitet. Soziale Ungleichheit, Armut und Reichtum die leider auch oft durch die Hautfarbe vorbestimmt sind, sind immer gegenwärtig. Auf der einen Seite die touristische Zona Colonial und die Strände mit ihrem weißen Sand und klarem Wasser von Punta Cana auf der anderen Seite die Armenviertel wie das Batey Lecheria, der viele Müll auf den Straßen und Kinderarbeit.

Und ich irgendwo dazwischen.

Manchmal ein sehr komisches und unwohles Gefühl am Wochenende diese Umständen hinter sich zu lassen und wieder in die schöne heile Welt einzutauchen.

Wenn ich mit meinem Vater telefoniere und von den Ereignissen der letzten Woche berichte wird mir Bewusst das vieles nicht selbstverständlich ist und ich vieles, für mich alltägliches, erklären muss. Dazu gehören unter anderem der Transport, das Schulsystem, die Sprache und und und.
Obwohl vieles zur Normalität wird gibt es dennoch Situationen die mich immer wieder aus dieser Routine „hinauswefen“ und mir zeigen wie weit entfernt ich mich von zu Hause, in einer anderen Welt, befinde.

Eine Kuh die am Straßenrand in einem Müllberg nach Futter sucht und dabei Plastiktüten frisst. Verkehrsunfälle von Motorradfahrern auf der Straße. Ein blutender Mann, an dem wir auf der Autobahn vorbei fahren. Die meisten Leute schauen nur regungslos zu und keiner kann wirklich helfen. Ein lichterloh brennendes Auto am Straßenrand. Die Rettungskräfte lassen vermutlich lange auf sich warten. Ein von einer „guagua“ (=Kleinbus) umgefahrenes Pferd das am Straßenrand stirbt. Wir, fußballspielend mit all den Kindern in der Lecheria, während um den Platz herum mit lodernden Flammen der Müll verbrannt wird.

Bilder wie aus einem Film, für mich oft sehr unwirklich und nicht greifbar, sodass sie an mir teilweise einfach wie an einer Schale abprallen.

Aber auch die Geschichten die mir die Kids aus ihrem Leben und ihrem Alltag erzählen.
Diese Momente lassen mich für einen Moment innehalten und nachdenklich werden.
Im nächsten Moment hat mich jedoch schon wieder der chaotische Verkehr die vielen unterschiedlichen Menschen die es auf der Straße zu sehen gibt, sowie der Fußball in seinen Bann gezogen, sodass ich all das ganz schnell wieder vergesse.

Ebenfalls das Heimweh.
Manchmal in einem ruhigen Moment in der Hängematte oder am Wochenende morgens im Bett bekomme ich Sehnsucht nach zu Hause. Doch dann vergesse ich, an all das in Deutschland zu denken und es zu vermissen, weil es einfach viel zu viel zu erleben und sehen gibt, hier um mich herum.

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6 Gedanken zu “¡Weihnachten im Sommer!

  1. Danke für disen wie gewohnt ausführlichen und beeindruckenden Bericht. Das erscheint wirklich oft surreal.
    Aber gut, dass du hin und wieder Gelegenheit hast, „raus“ zu kommen und Leute kennenzulernen.
    Dir schon einmal frohe Weihnachten!

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  2. Mein Bua!!
    Ich lese nachher den Bericht der Oma vor.

    So, so, man kennt also schon die Türsteher dort 😉

    Ab 26.12.2016 wird wieder telefoniert!!

    Liebe Grüße,
    Papa

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  3. Lieber Paul, Deine Berichte erlauben einen tiefen Einblick in das Leben das Du derzeit führst, Du meisterst das wirklich ausgezeichnet, lass Deine Freunde und Familie dort auch von Deinem Leben in Stuttgart wissen, so ist es ein guter Austausch. Ich wünsche Dir ein wunderschönes und ganz besonders Weihnachtsfest, ein glückliches, gesundes Neues Jahr mit einem erfolgreichen Projekt “ Café von leche „! Dein Joga mit den Birds 😘

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  4. Lieber Paul,

    Dein Bericht ist mal wieder super interessant.

    Bei uns ist inzwischen der Winter angekommen; man sagt, dass zu Beginn des Neuen Jahres der Schnee zu uns kommt. Heute ist Kaiserwetter, d. h. Sonne pur aber klirrend kalt.

    Ich wünsche Dir, lieber Paul, einen guten Jahreswechsel und für 2017 alles Liebe und Gute. Sei herzlichst gegrüßt von Karin

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