¡Yo soy Liceyita!

Nach dominikanischen Weihnachten mit Plastikbaum, LED Kerzen und kurzen Hosen bekomme ich das erste Mal Besuch aus Deutschland. Heiligabend verbringe ich in der Kirche, bei meiner Gastfamilie und vor Denzels Colmado.
Am Morgen, Weihnachtsfrühstück auf dem Balkon mit Obstsalat und frischem Maracuja Saft. Anstatt Krippenspiel, Bescherung und Spätzle mit Fleisch. Gottesdienst, Hühnchen und bei vielen Dominikanern jede Menge Alkohol. Am Abend gehen wir in die Kirche. Es wird gesungen, im Hintergrund ist das leise Summen der Ventilatoren zu hören. Zu Essen gibt es ‚pollo con arroz‘ – Hühnchen mit Reis. Die Geschenke bekommen die Kinder, wie in Spanien, es erst am 6. Januar. Von Vorweihnachtlichen Shoppingstress und den Sorgen für jeden das richtig zu finden ist nichts zu spüren. Es ist das gemeinsame Essen und Trinken das an Weihnachten von Bedeutung ist.
Auf meinem Heimweg von meiner Gastfamilie sehe ich viele Familie, gemeinsam auf Plastikstühlen vor den Türen sitzend. Laute Musik, Rum und Bier.
Ich mache noch einen Halt bei Denzel, dem „colmado“ an der Straßenecke, bei dem ich die letzten Wochen einige Stunden verbracht habe, einfach nur zu dasitzen und schauen, „schwätzen“ oder Baseball zu schauen. Dann ist für mich das erste Weihnachtsfest in der Karibik auch schon wieder vorbei.

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Mit Simon in der WG

2 Tage später schon bekomme ich Besuch aus Deutschland. Meine Mutter, Jürgen und mein kleiner Bruder kommen am 26. Dezember Nachts in Santo Domingo an. Wir sind in der „Zona Colonial“, dem ältesten Teil Santo Domingos und Weltkulturerbe der Unesco.
Hier wurde im Jahre 1496 von Bartolomeo Kolumbus, dem jüngeren Bruder Christoph Kolumbus, die erste Stadt des neuen Kontinentes – Amerikas – errichtet.
Als ich im Hotel ankomme um meine Familie zu besuchen, steht mein kleiner Bruder mit seinem vom mitteleuropäischen Winterwetter gezeichnetem bleichen Gesicht vor mir in der Hotelhalle und schaut mich an. Es ist ein schönes Gefühl ihn nach 3 Monaten wieder einmal vor sich zu haben und ihn in die Arme zu schließen.

2 Wochen Tourist
Zusammen lassen wir uns zum botanischen Garten, zu einer Höhle am Stadrand Santo Domingos fahren und uns lassen uns einen Vormittag in der kolonialen Altstadt, der „Zona Colonial“ herumführen und allerlei Dinge erklären. Die erste Kirche Amerikas, der Regierungspalast der Spanischen Kolonial Regierung und Palast Trujillos, 31 Jahre Diktator der dominikanischen Republik. Sowie Straßen aus dem 16. Jahrhundert die auch schon zu Zeiten Diego Kolumbus, Sohn des Entdeckers Christoph Kolumbus, gegeben hat.
An allem vorbei mit Shuttle Bussen, von Touristenattraktion zu Touristenattraktion und überall Souvenirs zu kaufen. Die Seiten Santo Domingos, die die meisten europäischen Touristen zu Gesicht bekommen die ihren Urlaub in der dominikanischen Republik verbringen. Die Seiten Santo Domingos die ich vorher noch nicht kannte.
Museen über die Geschichte der Insel „Hispanola“ und über die Dominikanischen Republik. Von der Entdeckung der Insel durch den Spanier Christoph Kolumbus über die Ausrottung der indigenen Bevölkerung und die Sklaverei. Die Insel in spanischer Hand bis hin zu der Diktatur Trujillos. Der Besetzung Amerikas, dem Unabhängigkeitskampf Juan Pablo Duartes und der politischen Situation von heute.

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Fußball in Lecheria

Außerdem besuchten mich meine Mutter, Jürgen und mein Bruder Simon in Los Alcarrizos, einen Vorort Santo Domingos, in dem ich wohne, das Projekt Café con Leche sowie das Batey Lecheria, in dem ein Großteil der Projektkinder lebt.
Beeindruckt von dem chaotischen Verkehr, den vielen bunten Häuser und verschiedenen Menschen auf der Straße. Für mich ein alltägliches Bild, Motorradfahrer die auf dem Hinterrad die Straße entlang fahren, Frauen mit Riesigen Schalen auf ihren Köpfen und Bananen verkaufen und vollgequetschte Autos. Die laute Musik und die vollgeladenen Pickups die „platanos“ (Kochbananen) oder anderes Obst und Gemüse verkaufen.

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Simon auf dem Dach in Los Alcarrizos

Auch sie Bekommen den krassen Unterschied zwischen der touristischen Zona Colonial, den einfachen Verhältnissen in Los Alcarizzos und denen in ärmlichsten Verhältnissen lebenden Menschen in dem Batey Lecheria zu spüren. Ich zeige ihnen die WG, die Fotowand in meinem Zimmer, die Hängematte in der ich meistens liege wenn ich mit ihnen telefoniere, sowie das Dach unseres Hauses. Auf der einen Seite am Horizont die Berge. Richtung Süden ist die Skyline der Millionenmetropole Santo Domingos zu sehen. Für mich ein schönes Gefühl, all das Tolle und Aufregende zu teilen aber immer ein bisschen angespannt ob alles gut geht. Wie werden sie reagieren wie begegnet uns meine Gastfamilie, die Menschen im Batey und auf der Straße?

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Meine Gastmutter Mercedes

Ich zeige ihnen den Fußballplatz auf dem wir mit den Projektkindern von Café con Leche trainieren, den Container in dem alle Schuhe und Materialien gelagert werden und meinen täglichen Weg zur Arbeit. Wir gehen zusammen in das Batey Lecheria und trotz Regen spielen ich und Simon mit einigen Kindern auf dek runtergekommenen und teilweise vermüllten Betonplatz Fußball. 5 gegen 5, bis drei. Alles funktioniert ohne Sprache, das einzige was wir brauchen ist ein Ball.

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Urlaub in Samaná

Für die kommende Woche und über Silvester fahren wir auf die Halbinsel Samaná im Nordosten der Dominikanischen Republik und ca. 3 Stunden entfernt von Santo Domingo. Vorbei an Reisfeldern, Kakaoplantagen und vielen verschiedenen kleinen Dörfern liegt der Atlantik vor uns. Nach einer hügeligen Küstenstraße mit vielen Palmen, es kommen nur wenige andere Autos entgegen, erreichen wir Las Terrenas.

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Mit dem Boot zum Strand

Urlaub. Jeden Tag ein anderer Strand, die einen mit Bars, Musik und vielen französischen und amerikanischen Touristen die dem kalten Winterwetter entflohen sind, die anderen einsam und nur mit Booten zu erreichen. Türkisblaues Wasser und gelbweißer Sand. Am meisten genieße ich die Zeit zusammen mit meinem kleinen Bruder. Im Wasser und im Sand zu toben und zusammen Fußball zu spielen haben wir beide sehr vermisst. Mit meiner Mutter über meine Erlebnisse und Gedanken die mich hier vor Ort beschäftigen, aber auch um über die Zeiten als ich mich vor der Klavierstunde in meinem Zimmer versteckt, auf dem Schlittenhang geprügelt habe und noch kurze Haare hatte zu reden, tut mir sehr gut.
Silvester verschlafe ich zum ersten Mal mit Magen Darm krank im Bett.

Der Abschied von Susanne und Simon fällt mir schwer.
Dennoch, kurz und schmerzlos.
Am Flughafen abgesetzt und schon ging es wieder zurück in die WG.
Nach 1 Woche Ruhe, Abschalten und Zeit mit meiner Familie bin ich wieder zu Hause in Los Alcarrizos in meinem kleinen Zimmer mit dem kalten Neonlicht und dem nach Norden ausgerichtetem Fenster, durch das zu keiner Tageszeit Sonnenlicht einfällt.

Nach nur einem Tag Wäsche waschen und auspacken. Ging die Arbeit schon wieder los. Ausflug mit Café con Leche. Am letzten Wochenende der Schulferien fahren wir an 2 Tagen mit 60 Jungs und Mädels an den, ca. 1 Autostunde entfernten, Strand Juan Dolio. Sonne, Wasser und die Beaufsichtigung von über 30 nichtschwimmenden, tobenden und sich tunkenden Kindern im Wasser. Am Abend falle ich tot müde ins Bett.

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Café con Leche am Strand

Zum Schulstart fängt nach den Projektferien auch wieder das Training sowie die Vor-/ und Nachmittagsbetreuung im Projekt Café con Leche an.
Mit vielen Umstellungen für die Projektkinder und Jugendlichen sowie für uns Trainer, Mitarbeiter und Assistenten von Cafe con Leche starteten wir ins neue Jahr. Obligatorische Einschreibungen für alle Projektteilnehmer, Kreativtage mit Basteln und Wasserfarben sowie Hausaufgabenbetreuung und monatliche Themenwochen als Bildungsangebot vor dem täglichen Training werden das Projekt in Zukunft sehr verändern.
Die ersten 2 Wochen sind vorbei. Einiges hat sich im Alltag bereits eingespielt anderes bleibt immer noch ungewohnt, doch schon jetzt hat sich die Stimmung und Beziehung zu Betreuern sowie unter den Kindern verändert. Nicht nur Schlange stehen um seine Fußballschuhe zu holen, Kicken und danach ab nach Hause. Sondern ein „Vesper“ zu Beginn, eine Stunde Bildung und zum Abschluss Sport gehören zum neuen Ablauf dazu.

Über einen 15 Meter hohen Baum auf das Dach, die Wendeltreppe die außerhalb des Gebäudes angebracht ist nach unten und kniend mit einem Stock durch das Gitter, das rings um unsere Galerie angebracht ist die Schuhe einzeln aus dem Schuhregal geangelt und mitgenommen. Das war vermutlich der Tatvorgang, als in der letzten Woche in der Nacht auf Samstag morgens kein einziger Schuh in unserer WG mehr vor zu finden war. Meine Adidas, Fußballschuhe, Adiletten und sogar meine durchgetretenen FlipFlops
Alles weg.
Geklaut.
Ziemlich Schmerzhaft, denn ohne einen Schuhe kommt man nicht weit.
Ein Weckruf der uns gezeigt hat, dass wir nachts auf unserer Galerie nichts unbeaufsichtigt lassen dürfen und dass wir als weiße Europäer in der Nachbarschaft auffallen und vermutlich immer ein bisschen unter Beobachtung stehen.

Letzte Woche Donnerstag haben die Finals der Dominikanischen Baseball Liga begonnen. „Best of 9“: maximal neun Spiele spielen die bieden Finalisten gegeneinander, wer zuerst 5 gewinnt ist Champion. Sich gegenüber stehen die seit Ewigkeiten rivalisierten Teams:
„Las Aquilas“ (die Adler) aus der Stadt Cibao und die „Tigeres Licey“ (die Tiger) aus Santo Domingo. Seit 7 Tagen gibt es kein anderes Thema mehr.
Auf der Straße, beim Imbiss und dem „peloquero“ (Frisör) hört man alle diskutieren. Im Projekt und mittlerweile auch bei uns in der WG die ständige Frage:

Bist du „Liceyita“, Fan von dem Team Licey, deren Fereinsfarbe blau ist oder „Aquliutcho“, Fan der gelben „Aqulias“?
Ich bin „Liceyita“ und zwar zu 100%.
https://www.youtube.com/watch?v=Y-CeGoep3aQ

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Estadio Quisqueya

Und weil Baseball Thema Nummer 1 ist, gab ich diesem Sport nochmal eine Chance. Mit Erfolg. Letzten Freitag machte ich mich alleine auf dem Weg zum „Estadio Quisqueya“ in Santo Domingo. Nach einer Stunde in der „guagua“ komme ich am Stadion an. Das Spiel ist ausverkauft, ich kaufe mir eine Karte für 20 Euro bei einem kleinen dicklichen Mann der vor dem Stadion mit einem Stapel Tickets vor dem Haupteingang wartet. Flutlicht, das Stadion ist voll und das Spiel beginnt mit einen Feuerwerk. Die Stimmung ist gut, das ganze Spiel über stehe ich und unterstütze MEIN Baseballteam. Es fühlt sich schon viel mehr nach einer Massensportveranstaltung wie einem Bundesligaspiel an. Familien, die einen Ausflug machen, aber auch viele die mit ihren Kumpels biertrinkend und Sprüche klopfend auf der Tribüne sitzen. Die lange Warteschlag am Bier und Würstchenstand bleibt einem erspart. Alles wird zum Platz gebracht: Pizza, Rum mit Sprite und „Empanadas“. Nach einem Punkt, wird nicht gegrölt und der Spielername des des Torschützen vom Stadionsprecher laut über das Mikrofon verkündet. Nach einem gelungenen Hit, Catch oder Double Play, ihr seht ich kenn mich aus ;), wird im Stadion Merengue oder Dem Bow gespielt. Es wird getanzt, gehüpft und gelacht.

Drei einhalb Stunden später steht der Gewinner fest:

Licey gewinnt mit 4:2

 

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2 Gedanken zu “¡Yo soy Liceyita!

  1. Am 25.12. starteten Simon, Jürgen und ich von Stuttgart mit unseren eigenen Koffern und zwei weiteren Koffern gefüllt mit gespendetem Papier, Stiften, Sportschuhen zu Paul nach Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik.
    Bei unserem Besuch haben wir sehr viel Freude zusammen erlebt, Interessantes, Trauriges, Erschreckendes gesehen, erkundet und gelacht, getanzt (Merengue ist nicht so mein Ding), beim Abschied geweint,… .

    Es war sehr schön aber auch eine Herausforderung für mich (Mama) zu sehen, wie Paul arbeitet, wie er Spanisch mit sehr viel Gestik spricht, wo er in Los Alcarrizos lebt, Freunde vor allem in Luz (mit so viel Herz), Birgit (Pauls „Supervisorin“), Aron (Mitfreiwilliger, Zimmernachbar, Festivalbegleiter), Roni („ganz frisch“ in der Dom Rep und Mitfreiwillige) und Belen (Helfer in allen Lebenslagen und Spaßvogel) gefunden hat, was er lernt und wie er sich mit dem Café con Leche identifiziert. Manchmal wurde ich auch von Panikattacken heimgesucht, als ich mir vorstellte, was Paul so tätlich erlebt und wie er sich im chaotischen Verkehr von Ort zu Ort bewegt. Da danke ich Jürgen, der mich beruhigen konnte, indem er mir aufzeigte, dass Paul alles vorsichtig angeht und sehr reflektiert ist.

    Es war traurig zu sehen, unter welch ärmlichen Bedingungen die Kinder im Batey aufwachsen, und unmittelbar mitzubekommen, dass sie nicht mit denselben Chancen auf Bildung, gesunde Ernährung und tägliche Betreuung aufwachsen wie unsere Kinder. Die Tatsache, dass es uns so gut geht und wir nur durch Zufall und nicht etwa durch unseren Verdienst in eine Gesellschaft hineingeboren wurden, die uns so viel Chancen bietet, war sehr präsent. Die Frage, was wir tun können gegen die Ungerechtigkeit und Armut hat mich sehr beschäftigt, Und so geht es wohl auch Paul bei seiner täglichen Arbeit mit den Kindern.

    Simon und Paul hatten in der zweiten Hälfte unseres Urlaubs eine schöne Zeit am Strand. Paul hat ja schon beschrieben, wie gut die beiden sich verstanden, am Stand und im Wasser gespielt, getobt, geturnt und gelacht haben.

    Nun sind wir schon wieder einen ganzen Monat aus der Dominikanischen Republik zurück. Immer noch sind die Bilder in meinem Kopf und Paul ganz nah.

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