Halbzeit

18.03.2017 6.25pm
Medellín, Antioquia
Kolumbien

Ein Blick auf mein Handy.
In meinem Posteingang immer noch nichts.
Keine Nachricht des deutschen Konsulates.
Leicht angespannt sehe ich aus dem Fenster.
In den Regentropfen auf der verregneten Fensterscheibe des Taxis spiegeln sich die roten Rücklichter der anderen Autos. Hinter uns ein Meer auch tausenden flackernden orangenen Lichter der Straßenlaternen. Ein Meer, das sich bis auf die obersten Hügel der Stadt ausbreitet. Der starke Regen hat einige Straßen der Stadt bereits in kleine Bäche verwandelt. „Nicht schon wieder so eine Wasserschlacht“ sage ich leise vor mir hin.
Wir sind auf dem Weg ins „Estadio Atanasio Giradot“ zu dem kolumbianischen „Clásico“, dem Stadtderby zwischen den rivalisierten Teams Independiente Medellín und „Atlético National“, dem ehemaligen Lieblingsvereins des 1993 getöteten Drogenbarons Pablo Escobar. In der vorherigen Woche musste das Spiel der „Copa Libertadores“, vergleichbar mit der europäischen Champions League gegen den argentinischen Rekordmeister „River Plate“ wegen starken Regenfällen und einem unbespielbaren Platz unterbrochen werden.

Heimspiel: National, dem deutlich größeren der beiden Vereine.
Nach 20 Minuten im Stau kämpfen wir uns anschließend mit unseren roten Trikots, auf der Brust das Logo von Independiente Medellín, durch ein grün weißes Menschenmeer um möglichst schnell die anderen bei einem Imbiss vor dem Stadion zu treffen. Schon von weitem kann man die Flutlichter des nicht überdachten Stadions und die Gesänge der Fans wahrnehmen. Ich nehme meine Eintrittskarte in Empfang. Zwei Pilsen und los geht’s, durch die Sicherheitskontrollen, ins Stadion.
Über 50.000 Fußballverrückte. Ausverkauft.
Die Luft, angenehm Lauwarm, der Abendhimmel bewölkt. Im Stadion angekommen hört es auf zu regnen. In meiner Nase der Geruch von Marihuana und Schweiß der eng zusammenstehenden Fußballfans. Durch meine Blonden Haare und mein Mitteleuropäisches Aussehen werde ich schnell als Fußballtourist identifiziert.
Wir befinden uns in der Nordkurve, der Heimat Independiente Medellíns im Estadio Atanasio Giradot. Um uns herum rot-blaue Trikots, Fahnen und Luftballons. Uns gegenüber: eine gewaltige um einiges größere weiß-grüne Kurve, die Fans des Kontrahenten Atlético National die in diesem Heimspiel die klare Mehrheit bilden.
Eine Kapelle aus etlichen Trommeln und Blechbläsern geben den Takt und die Gesänge vor. Unbeeindruckt vom Zwischenstand des Spiels geben sich die Fans der beiden Teams das gesamte Spiel über einen ununterbrochenen Schlagabtausch. Lateinamerikanische Rhythmen und temperamentvoller Gesang bestimmt die Atmosphäre. Während der Kolumbianischen Nationalhymne werden wir in blau roten Rauch gehüllt, auf der Gegenseite wird weiß-grüner Rauch aus alten Feuerlöschern gesprüht. Mitten im Nebel stehend, in den Bann dieses fußballverrückten Land gezogen, lasse ich meinen Blick durch das Stadion schweifen.
Mir wird klar: das ist verdammt noch mal kolumbianischer Fußball – und es ist geil.
Es ist verrückt:
Nach dem Abstoß des Torhüters schreit die Menge „Hijo de Puta“ und es gibt lautstarke Pfiffe sobald der Ball das Spielfeld verlässt. Den Spielverlauf nehme ich kaum wahr. Die auf und ab hüpfenden Fans, die im Takt dazu bewegten Fahnen und die Choreographien. Unter den Fans, Jugendliche mit nackte Oberkörper, geziert von Tattoos: Sie tragen das Logo auf der Brust und Liebeserklärung an ihren Verein auf dem Rücken.
Trotz eines Traumtors von Independiente gewinnt Atlético National und das Stadion steht Kopf. Wir jedoch stehen auf der anderen Seite. Einige Chaoten halten es für notwendig die gegenüberliegenden Anhänger zu beleidigen und Flaschen zu werfen. Andere jedoch nehmen es sportlich und freuten sich über einen tollen Fußballabend. Und ich bin, immer noch beeindruckt nach meinem dritten Stadionbesuch in Kolumbien, irgendwo dazwischen

03.03.2017 4.30am
Los Alcarrizos, Santo Domingo Oeste
Dominikanische Republik

Mein Wecker klingelt.
Wie in Trance packe ich die letzten Dinge zusammen, putze mir die Zähne und checke zum letzten Mal ob ich alles habe: Geld, Reisepass…
Vor dem Haus wartet bereits Francisco mit laufendem Motor auf uns. ohne viel zu spreche steigen wir ein und machen uns in den noch dunklen Morgenstunden auf den Weg zum Busbahnhof.
Was danach kommt, läuft quasi wie von selbst. Busticket kaufen. Gepäck verstauen.
Nach ca. 3 Stunden fahrt ist es bereits hell und die brennenden Sonne hat die Luft bereits soweit erwärmt, dass sich beim Transportieren des Gepäcks die ersten Schweißperlen den Weg aus meiner Haut bahnen. Check-In, Sicherheitskontrolle und nach 5 Monaten verlasse ich zum ersten Mal wieder die Insel Hispaniola. Zwischenstopp in Panama-City und nach einer 1 stündigen Busfahrt vom Flughafen sind wir da.

In Medellín, Antioquia zweitgrößte Stadt Kolumbiens.
In der Millionenmetropole, die einst als gefährlichste Stadt der Welt galt und 2011 zur Innovativsten Stadt ernannt wurde.

Bekannt durch die Drogenkartelle und die hohe Kriminalität der 70er und 80er Jahre sowie Persönlichkeiten wie Pablo Emilio Escobar Gaviria. Mit diesen Vorstellungen, meinem Wissen und den Bildern der Netflix Serie „Narcos“ komme ich auch in diese berühmt berüchtigte Stadt.

Neben vielen Gemeinsamkeiten, der Musik, dem Essen und der Mentalität vieler Menschen sowie das ich aufgrund meiner Aussehens in einem Lateinamerikanischen Land immer noch auffalle, werden schon kurz nach unserer Ankunft die ersten Unterschiede zu unserem Einsatzland der dominikanischen Republik deutlich. Die Bedeutung die der Baseball für viele jugendliche Dominikaner darstellt ist für die Mehrheit der Kolumbianer – Fußball. Fußballtrikots und Fußball auf allen Kanälen. Auf den Straßen und den vielen Bolzplätzen der Stadt wird Fußball gespielt.
Der Fußball kontrolliert den Alltag vieler Menschen.

Diese Stadt fasziniert mich von Beginn an.

Der beeindruckende und unwirkliche Blick von den Hohen Lagen über ein Lichtermeer aus orangenen Straßenlaternen bei Nacht, das kein Ende zu haben scheint. Am späten Nachmittag senkt sich die orangene Sonne hinter denen in der ferne liegenden Hügeln der Stadt und lassen das Panorama der Tausenden aus Ziegelsteinen bestehenden Häuser und Hütten in eine strahlendes rot-orange tauchen.
So wie Stuttgart in einem „Kessel“ gelegen, übertrifft Medellín meine Heimatstadt in seiner Größe, Vielfalt und seiner Aufregung. Ein Vergleich ist schwierig aufzustellen.Dennoch sind Feinstaubproblem und Fahrverbot auch für einen Schwaben keine Fremdworte mehr.

Der Süden, geprägt von große moderne Hochhäuser mit schicken Penthouses, Hotels, Clubs und teurem Bier im Touristenviertel „Poblado“, steht im Gegensatz zu den einfacheren Verhältnisse der Barrios im Norden der Stadt. Sowie zu der in den höheren Lagen der Stadt, auf den Bergen weit entfernt vom Stadtzentrum, zunehmenden Armut und den Häusern ohne Versorgung von Wasser und Strom.

Mit Reisebussen geht es mit hohen Geschwindigkeiten in waghalsigen Kurven und steilsten Straßen die Berge hinauf. Die Metro verbindet Norden und Süden der Stadt und bringt mich in das wilde und chaotische von Menschen und Fahrzeugen überfüllte Stadtzentrum. Bilder die mich an Santo Domingo erinnern. Ein Gewirr aus Bussen, Suchenden, zielstrebig Laufenden und Menschen wie ich, die sich treiben lassen ohne ein wirkliches Ziel nur dem Wunsch möglichst viel aufzusaugen, wahrzunehmen und mitzunehmen. Alle möglichen Waren die auf offener Straße verkauft werden. Von Mangos über gebrauchte Stihl Motorsägen bis hin zu Unterhosen.
In einer Gondel fahre ich den Berg hoch.
Die Metrokalbe, ein öffentliches Transportmittel, das mir das Gefühl verleiht, als mache ich mich zusammen mit meinem Snowboard auf den Weg zu der nächsten Talabfahrt. Unter mir jedoch Treppen, schmalste Gassen und Häuser die an den steilen Hängen wie Legosteine kreuz und quer aufeinandergestapelt sind. Treppen und Straßen, die den Berg hinauf in die letzten Ecken des Barrios führen.
Einige Kinder spielen auf einem Schulhof Fußball, unterhalb trocknet Wäsche auf einem bunt bemalten Wellblechdach unter der kolumbianischen Sonne.
Ich fahre ein zweites Mal nach unter und wieder rauf – weil es mir so gut gefällt.

Grund unseres Besuchs ist das Zwischenseminar meines Freiwilligendienstes in Kolumbien:
In Gruppen und zusammen mit den anderen Freiwilligen sprechen wir über die Erfahrungen, Begegnungen und Schwierigkeiten der ersten Monate. Die Verständigungsprobleme der ersten Tage, Unterschiede zu unserem Leben als Schüler in Deutschland und kulturelle Missverständnisse. Die Pfiffe auf der Straße, das Esse das gut geschmeckt hat und über unsere Ziele für die kommende Zeit in unserem Freiwilligendienst.

Und die Erkenntnis:
Es ist schon Halbzeit.

Zwar hab ich schon in meinen ersten Monaten von der „fliegenden Zeit“ berichtet.
Doch kaum hab ich mich versehen. Hatte ich Geburtstag, Ostern, ich bekam Besuch von meinem Vater und Mignon und jetzt ist es schon Mai.

Während des Seminars sind wir auf einer Öko-Finka in der Kaffeezone Antioquias untergebracht. Umgeben von Kaffeepflanzen auf der hügeligen Landschaft, Natur und Ruhe kann man gut abschalten und sich mit den anderen über ihre völlig unterschiedlichen Erlebnisse und Erfahrungen austauschen.

Der Selbe harmonische und ruhige Ort an dem ich am letzten Tag meinen Reisepass nicht mehr wieder finden sollte.

Neben vielen aufregenden und zu meinem dominikanischen Alltag und Leben unterschiedlichen Erfahrungen verbrachte ich die 3 Wochen ebenfalls mit Konsulatsbesuchen in der dominikanischen Republik, Umbuchung meines Fluges und warten auf meinen vorläufigen Reisepasses. Ich besuche die anderen Freiwilligen in unterschiedlichsten Projekten und ihren Umfeldern. In ihren WGs der Nachbarschaft und ihrer Freizeit. Theaterprojekte, Musikunterricht mit geistig behinderten Kindern, Hausaufgabenbetreuung und Fußballtraining Englischlehrern an einer Grundschule, und Drogenprävention.

23.03.2017 9.30pm
Stadtzentrum Medellin, Antioquia
Kolumbien

Es ist schon spät, die Rush-Hour und das Verkehrschaos sind vorüber, die Straßen leeren sich. Wo sich vor wenigen Stunden noch Menschenmengen bewegten, Käufer, Verkäufer, Touristen und Pendler, sind nur noch geschlossene Geschäfte, einsame Straßen und der Müll des Tages geblieben. Mit der Metro angekommen verlassen wir die Station „Prado“ im Zentrum. Wir überqueren eine Straße auf der nur noch wenige Autos verkehren, vorbei an einer Imbissbude und einem Stundenhotel. Wir laufen zügig, denn wir sind spät dran. Schon von weitem sind die, in einem großen Kreis stehende, Menschenmenge zu sehen. Ca. 30 Männer und Frauen, Jung und Alt auf dem Vorplatz einer Kirche. Außer dem Nachtwächter eines nahgelegenen Parkhauses und eine paar leicht bekleideter Frauen vor einem Bordell sind hier um diese Zeit wenige Menschen unterwegs. Wir sind nicht die einzigen die zu spät kommen.
Wir, meine deutschen Mitfreiwilligen Samuel, Franzi, Inka, Milan und Paula aus Medellín und ich. Sie treffen sich hier regelmäßig donnerstags, für mich ist es das zweite Mal.
„Aguapanela“, so nennt sich ein, von kolumbianischen Studenten gegründetes straßensozial Projekt im Zentrum von Medellín, das sich zum Ziel gesetzt hat den Kontakt zu obdachlosen Menschen aufzubauen und ihnen so einen Anschluss zur Gesellschaft zu bieten. Zusammen mit 2 großen Einkaufswägen, beladen mit den Spenden, großen Töpfen gefüllt mit „Aguapanela“ (aus Zuckerrohr gewonnenes, heißes Zuckerwasser) und Brot zieht die Gruppe aus Freiwilligen los.
Auf den ersten Metern bleiben wir immer wieder stehen.
Aus allen Richtungen kommend, verschwinden manche sofort wieder in den dunklen Hinterhöfen und Gassen der Nacht, andere werden die beiden Einkaufswagen noch lange auf ihrer Tour begleiten. Viele haben große Säcke mit sich. Säcke gefüllt, mit auf der Straße gesammelten Müll, den sie sortieren und bis in die Morgenstunden bei Müllannahmestellen und Recyclingfirmen für ein paar Cents verkaufen können. Nach 30 Minuten sind wir da. Es scheint der Hauptversammlungsplatz zu sein.
Wohin das Auge reicht, im orangenen Schein der Straßenlaternen zerstreut umherlaufende Gestalten, alleine oder in Gruppen auf den Bordsteinen und dem Boden sitzende sowie auf dem nackten Boden schlafende Menschen.
Mein Blick bleibt hängen. Ein junges Mädchen, gekrümmt auf dem Boden liegend, die Beine nah an den abgemagerten Körper gezogen. Vor Nase und Mund eine Plastiktüte. Sie atmet hektisch. Immer wieder inhaliert sie die berauschenden Dämpfe des Klebstoffs. Ihre Backen sind gerötet, unsere Blicke treffen sich. Ich schaue in ihre großen, weit aufgerissenen, glasigen Augen. Später versuche ich sie anzusprechen, sie kann nicht antworten.
Paco, umgangssprachlich auch „Bazooka“ genannt ist ein bei der Produktion von Kokain entstehendes Abfallprodukt. Gestreckt mit Chemikalien wie Kerosin, Putzmittel und Lösungsmittel wird der in Bröseln verkaufte Stoff zusammen mit Zigarettenasche und Stahlwolle in meist selbst gebauten Pfeifen geraucht. „Bazooka“ erzeugt eine Wirkung die mit reinem Kokain zu vergleichen ist. Der Rausch dauert jedoch lediglich 30 bis 60 Sekunden. Schnell wird man abhängig. Nach dem Konsum kommt es nach kurzer Zeit zu Stimmungstiefs, Depressionen und schmerzhaften Krampfzustände. Langfristigen führt es zu irreparablen Schäden des Herzens, der Lunge, dem Gehirn und der Leber. Eine Pfeifenfüllung kostet umgerechnet 25 Cents. Stark abhängige müssen bis zu 200 Mal konsumieren. Unter Planen, in kleinen Gruppen sitzend, spielen sie Karten, würfeln und werfen Münzen – um ihren Stoff.

Menschen, deren ganzes Leben danach ausgerichtet ist, den nächsten Stoff zu beschaffen. Immer auf der Suche nach einem neuen Rausch. Situationen, Eindrücke und Bilder die sich schwer auf mich legen und mich zu zerdrücken scheinen. Menschliches Elend. Abgemagerte Gestalten, entrückte Gesichter mit abwesendem Ausdruck. Es riecht nach Müll, dem toxischen Rauch der aus den Pfeifen quillt, altem Urin und Elend.
Die Situation in der ich mich befinde genauso unwirklich wie viele Geschichten, die hinter diesen Menschen stecken. Menschen aus guten Familien, einst einem Beruf in einer Bank nachgehend, in einem eigenen Haus wohnend.
Bis sie aus unterschiedlichsten Gründen in eine Abwärtsspirale gezogen wurden und irgendwann ausgespuckt wurden. Und jetzt sind sie genau hier.

Ich lerne Mikel kennen. Er spricht auf Englisch, ich antworte auf Spanisch. Ich schätze ihn auf Mitte zwanzig. Mikel sieht gepflegt aus, hat dunkle kurze Haare, trägt einen schwarzen Kapuzenpullover und auf dem Rücken einen Rucksack. Er schenkt mir ein Freundschaftsband. Ein verschiedenfarbiges, schmales Armband. Blau, Gelb und Rote Schnüre sind zu einem Band verdreht. Er erzählt mir von einem abgebrochenen Studium in Boston. Seiner Rückkehr nach Kolumbien. Die letzten Monate arbeitete er auf einer Kaffeeplantage, er zeigt mir seine durch die harte Arbeit entstandenen Blasen und Wunden an seinen Händen. Ursprünglich kommt Mikel aus Bogota, ich frage ihn was er hier mache.
Er antwortet mir auf Englisch:
„Medellin ist verdammt nochmal die geilste Stadt der Welt man, hier gibt es überall billige Drogen alter!“

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