Karibische Kuchenkrümel

4.13pm
Juli 2017
Barrio Los Americanos, Los Alcarrizos
Dominikanische Republik

Ich bin zu spät. In der linken Hand trage ich 1,5 Liter Wasser, in der rechten ein Handtuch. Wo ist mein Schlüssel?
Nach kurzer Suche hab ich ihn. Ich öffne das Schloss zu unserer Wohnungstür und schließe nach dem Verlassen wieder ab. Zügig laufe ich die Treppen vom 2 Stock runter. Unten schließe ich ein weiteres Vorhängeschloss auf und dann bin ich draußen. Sicher ist sicher, seit dem im Januar all unsere Schuhe aus der von Eisengittern umgebenen Galerie geklaut wurden, sind wir besonders vorsichtig, wer Zugang zum Haus hat. Ich trete auf die Straße vor unserem Haus.
Die Sonne brennt.
Um die Mittagszeit und am Nachmittag ist ihre zerstörerische Kraft kaum auszuhalten. Es ist Juli. Obwohl hier auch in den, in Mitteleuropa oft kalten, trüben und unangenehmen, Monaten Januar und Februar die Sonne scheint und die Menschen auch am schwitzen sind gibt es dennoch einen Unterschied zwischen der Hitze und der Hitze im Juli und August.
Es ist Sommer in der Dominikanischen Republik.

Die Kraft der Sonne und die drückend feuchte Hitze zwischen den Häusern, wo selten ein kühler Wind weht benetzen meine Haut mit einem dünnen feuchten Film aus Schweiß – klebrig – der Kopf schwer, die Augen fallen einem zu, wie in Trance. Bereits ab 11 Uhr beginnt sie, die Ruhe auf der Straße. Einige wenige Wagen die saisonale Melonen und Mangos verkaufen, das Hupen von aufgeregten Motoradfahrern und das Grollen großer Laster die auf der Hauptstraße entlang rasen. In der Ferne ein aufheulender Motor und die Musik aus den Lautsprechern eines aufgetunten Hyundai Sonatas, sowie eine Frau an der nächsten Straßenkreuzung, die mit ihrem Schubkarren Avocados für 30 Cent verkauft. Die meisten Menschen in der Nachbarschaft, befinden sich in ihren Schatten und Kühle spendenden Häusern, halten Mittagschlaf vor den Ventilatoren oder befinden sich bei der Arbeit im, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln eine gute Stunde entfernten Zentrum von Santo Domingo. Am Mittag, geschützt durch Sonnenschirme oder von Schatten zu Schatten huschend, sieht man einige Leute in den Straßen laufen: Auf der Flucht vor der Hitze und der glühenden Sonne.

Am Nachmittag kann ab und zu bei einem kurzen starken tropischen Wolkenbruch durchgeatmet werden. Und wenn ab 6 Uhr die Sonne sich langsam in zarten rotorangenen Farben dem Horizont nähert und hinter den Silhouetten der im Norden liegenden Berge verschwindet kehrt das Leben in die Straßen zurück. Die Zeit des Tages die ich am meisten genieße. Die Nachbarn verlassen ihre Häuser und sitzen zusammen in der Abendstimmung auf Plastikstühlen vor ihren Haustüren, einige Spielen Domino. Andere, die von der Arbeit kommend sind auf dem Weg nach Hause und viele Kinder mit Fahrrädern und Bällen spielend. Aus den Lautsprechern der vorbeifahrenden Autos und den Musikanlagen der Colmados, klingen Romeo Santos, Johnny Ventura und Daddy Yankee. Um diese Uhrzeit ist es angenehm. Ich lege mich oft in die Hängematte auf unserem Balkon, mit einem Maracujasaft oder einer Malta India und schaue was unter uns auf der Straße so passiert. Manchmal sitze ich auch selbst mit den Nachbarn vor der Tür und lasse den Tag in Gesellschaft ausklingen. Ein Ruf lasst mich aufschauen:
„Aleman….Rubio„. Es ist ein Militär. Er trägt dicke schwarze Stiefel, eine lange grün braun gefleckte Tarnuniform und einen gleichfarbigen Fischerhut auf dem Kopf. Auf seinem Schoß liegt ein großes schon etwas in die Jahre gekommenes Maschinengewehr. Er sitzt lässig auf einem Plastikstuhl im Schatten eines Mangobaums. Er ist Teil eines Einsatzes des dominikanischen Militärs. Seit einigen Wochen sind im Sector Los Americanos an allen Zugangsstraßen Kontrollpunkte des Ejercitos aufgestellt worden um Fahrzeuge, Motorräder und Passanten zu kontrollieren, mit dem Ziel, für Sicherheit zu sorgen. 24 Stunden am Tag checken jeweils drei Militärs in zwei Schichten die Passagiere der Autos, ziehen nicht registrierte und geklaute Motorräder aus dem Verkehr und sitzen eine ganze Weile auch einfach nur herum. Wir kennen uns, haben bereits miteinander gesprochen, woher ich komme, was zur Hölle ich hier mache und ob alle deutschen Frauen so schön sind wie man sagt. Ich kenne seinen Namen nicht, grüße ihn mit ¿Qué lo qué Comando?“ („Was geht ab Kommandeur?“) und bleibe für einen Augenblick stehen. Durch seine getönte Sonnenbrille kann ich kaum seine Augen erkennen. Wir unterhalten uns, ich erkläre ihm, dass Deutschland nicht das ganze Jahr über mit Eis bedeckt ist und nicht alle Deutschen blond sind. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite läuft eine junge Frau, mit knapper Hose und engem Oberteil vorbei. Er pfeift: „¡Mami ven acá!“ („Schätzchen, komm her!“), sie ignoriert ihn. Außerdem erkläre ich, dass Pünktlichkeit sehr ernst genommen wird, schaue auf die Uhr und bemerke, dass ich die Zeit aus den Augen verloren habe.
Ich verabschiede mich und gehe weiter die Calle Segunda entlang, vorbei an Colmados und einer Schneiderei. Es sind Ferien, keine Schule. Die kleineren Kinder spielen vor der Haustür auf der Straße, Mädchen, die sich Zöpfe flechten. Die Größeren werfen Baseballs, spielen Basketball und einige drehen auf ihren Fahrrädern, auf dem Hinterrad fahrend, Runden um den Block. Unser Nachbar düst an mir vorbei und ruft: „Pauuuul“. Ich habe ein Lächeln auf den Lippen. Schon bevor ich um die nächste Ecke biege kann ich die Musik hören.

Immer wieder treffe ich mich Nachmittags und am frühen Abend mit Alberto, dem Bruder unserer Mitbewohnerin Luz, im Fitnessstudio.Alberto ist 18 Jahre alt, gleich groß aber um einiges breiter als ich. Er hat kurzgeschorene Haare, besitzt ein sympathisches Gesicht und ist ein wenig schüchtern. Seit ungefähr 3 Monaten treffe ich mich mehrmals die Woche mit Alberto hier im Fitnessstudio. Drei Straßenblocks von unserer, im zweiten Stock liegenden, 4 Zimmerwohnung entfernt liegt das in orange und grün gestrichene Fitnessstudio. Der Besitzer, sein Name ist Santo, ein in die Jahre gekommener Bodybuilder. Er trägt Sportkleidung, sein Haar ist grau meliert und in seinem Gesicht sitzt eine markante Nase. Ab und zu kann man Santo auch noch an einigen Geräten trainieren sehnen. Für 2 Stunden, Gewichte drücken, ziehen und heben zahlt man 35 Peso (70 Cent). Am Morgen und in den frühen Abendstunden herrscht hier reges Gedränge um die Geräte, schwitzende und stöhnende junge Männer in weit ausgeschnittenen Tanktops und Frauen in körperbetonender Sportkleidung, auf der Hantelbank und der Beinpresse. Am Eingang eine kleine Theke, hier kann man alle möglichen Pulver und Tabletten zum Muskelaufbau und Leitungssteigernde Mittel kaufen.
Ich bezahle Eintritt, lasse meinen Namen aufschreiben und betrete den Innenraum. Dicht aufeinander, jeden Winkel des zur Verfügung stehen Raumes ausnutzend, sind die Geräte aufgebaut. Dennoch bietet die Muckibude alle Möglichkeiten zu trainieren. Die Wände sind verspiegelt, davor zahlreiche Typen, die mit vor Anstrengung verzerrten Gesichtern dicke Gewichte und Hanteln stemmen. Im Blick immer ihre Muskeln die sich bei jeder Kontraktion zu kleinen Bergen auftürmen. Anfangs habe ich mich gefühlt wie in einem Haifischbecken. Bleich, schlank und einfach anders, so bin ich der einzige dessen Gesicht sich unter Anstrengung tief rot färbt. Komisch sieht das aus. Mit der Zeit treffe ich immer die gleichen Jungs, wir begrüßen uns ziehen uns gegenseitig auf, machen Späße und klopfen Sprüche. Ich habe gefallen daran gefunden mich neben dem Fußball noch im Fitnessstudio auszutoben und abends erschöpft und mit Muskelkater ins Bett zu fallen.
Nach gut 1,5 Stunden an verschiedenen Geräten und Hanteln bin ich fix und fertig. Mein T-Shirt lässt sich auswringen und meine Oberschenkel brennen. Ich verabschiede mich von den anderen, wir werden uns morgen wieder treffen und ich mache mich auf den Weg nach Hause. Ich lege mich in die Hängematte und nach kurzen Augenblicken bin ich eingeschlafen.

4 Tage später
8.30am
8 Juli 2017
Playa Encuentro, Cabarete
Dominikanische Republik

Es ist noch früh. Die frühe Morgensonne kitzelt bereits auf meiner Haut und schon jetzt fühle ich, dass heute ein heißer Tag werden wird. Meinen Füßen graben sich in den, vom nächtlichen Regen feucht-kühlen Sand. Ich nehme mein Brett unter dem Arm und laufe den Strand entlang. Weiter draußen auf dem Meer warten bereits die ersten Surfer auf die nächsten Wellen. Kleine Grüppchen aus schwarzen Punkten: sich auf und ab bewegende Oberkörper im Schatten der Sonne. Der Strand, ein schmaler Streifen aus gelb weißem Sand. Dahinter, unter einem kühlen Schatten spendenden Blätterdach der Bäume, befinden sich Holzbänke, Hängematten und kleine zusammengezimmerte Holzhüttchen mit Palmdächern. Hier lagern Surfbretter in allen Größen und Formen. Der Einstieg ins Wasser ist felsig und spitz. Ich laufe vorsichtig um mich nicht zu schneiden. Dann lass ich mich langsam auf mein Brett gleiten und beginne zu paddeln. An diesem Morgen ist der Himmel klar und erstrahlt in einem hellen blau, nur im Osten sind ein paar dunkle Wolken zu sehen die sich mit dem Wind langsam auf uns zu bewegen. Am Horizont kann man bereits den Regen über dem Meer erkennen. Es herrscht eine ruhige, friedliche Stimmung am „Playa Encuentro“ und auch die Wellen sind optimal. Hier ist immer etwas für jeden dabei. Für Anfänger, Fortgeschrittene und die lokalen „Cracks“. Nach kurzer Zeit im Wasser bin ich da, bei den anderen, die eben noch vom Strand schwarzen Punkten ähnelten, setzte mich aufrecht mit dem Blick nach draußen und lasse ich mich erstmals von den ankommenden Wellen auf und ab schaukeln. Unter mir: das klare türkis blaue Wasser. Die Sonnenstrahlen dringen so weit durch die Wasseroberfläche, sodass ich von meinem Brett aus den steinigen Meeresgrund sehen kann. Ich schaue raus aufs Meer. Bis auf das Brechen der Wellen sind hier draußen keine Geräusche wahrzunehmen und auch am Strand gibt es keine Hektik. In Küstennähe einige Anfänger, die sich die ersten Male auf einem Surfbrett probieren. Mein Kopf ist frei. Ich genieße die Ruhe, des Meeres und der ruhigen Umgebung, eine Auszeit zum Durchatmen im Gegensatz zu dem hektischen, großen, teilweise dreckigen und chaotischen Santo Domingo. Ich atme die saubere Luft ein und nachts schlafe ich ohne den Lärm von der Straße.
Ich bewundere diejenigen die sich mit Drehungen und gekonnten Bewegungen auf den Wellen fortbewegen. Und da kommt sie, die Welle auf die ich seit wenigen Minuten gewartet habe. Ich drehe meine Brettspitze zum Strand behalte die Welle weiter im Blick. Sie kommt näher und ich beginne zu paddeln. Es ist das fünfte Mal, dass ich in Cabarete bin.

Cabarete, ein kleines Dorf an der Atlantikküste, im Nordosten der dominikanischen Republik. Ein kleines Dorf das sich erst vor einigen Jahren durch die Entdeckung des Küstenabschnittes als Kite- und Windsurf Hotspot zu einem gut besuchten Touristenort verwandelt hat. Am Ortsstrand reihen sich Bars, Clubs und Restaurants aneinander, die Besucher sind Deutsche, Franzosen, Kanadier und Schweizer. Am Nachmittag ist der Himmel der weitläufigen Bucht voll mit bunten Kites. Es sind so viele, dass es unmöglich ist alle zu zählen. Ein beeindruckendes Bild wie sich die vielen Schirme durch die Kraft des Windes spielend auf und ab bewegen und teilweise die Surfer mit ihrem Brett einige Meter aus dem Wasser ziehen. Nachdem die Sonne am Horizont im rot orangenen Himmel versunken ist schallt aus den Bars und Diskotheken lauter Reggaeton.

Es sind Bruchteile meiner Erfahrungen und meiner Zeit, die ich mit euch in meinen Berichten teile. Doch auch ich kann nach 12 Monaten vor Ort noch nicht sagen, dass ich die neue Kultur, die Mentalität und das Leben der Menschen komplett verstehe und die Dominikanische Republik kenne. Mir gefällt der Vergleich einer deutschen Mitfreiwilligen, die seit September letzten Jahres in Kolumbien als Freiwillige arbeitet und lebt. Sie vergleicht Land und Kultur mit einem großen runden Kuchen, der aus vielen verschiedenen Stücken besteht. Während meiner Zeit vor Ort, meiner Arbeit im Projekt, durch die Begegnungen in der Nachbarschaft, auf den Reisen und im Urlaub habe ich über das gesamte Jahr die Möglichkeit kleine und etwas größere Stücke des Kuchens zu probieren. Dabei sind Stücke die mir sehr gut schmecken, andere ungewohnte und neue Geschmäcker. Manchmal bin ich auch etwas enttäuscht und erschrocken über bestimmte Teile des Kuchens. Und mit der Zeit erkenne ich neben den vielen Unterschieden auch immer mehr Parallelen zu Deutschland. Während ich von allen Seiten immer ein bisschen an dem großen Kuchen knabbern kann bleiben einige Krümel über. Diese kleinen Krümel, verpacke ich in Worte, und schicke euch einige Begegnungen, Erlebnisse und Erfahrungen bis nach Deutschland. So könnt auch ihr vom großen Kuchen der Dominikanischen Republik probieren und ein paar karibische Kuchenkrümel naschen.

Mittlerweile habe ich bereits viel Zeit gehabt, diesen dominikanischen Kuchen zu probieren, bin rumgereist, habe den Süden besucht und mich in die Atlantikküste im Norden der Insel verliebt, habe viele Abende zu dominikanischer Musik verbracht, die tollen Bewegungen beobachtet und auch immer wieder das Tanzbein geschwungen, viele interessante und unterschiedliche Gespräche geführt, vieles über Deutschland erzählt und vieles über die Dominikanische Republik gelernt, aus Begegnungen und Nachbarn haben sich enge Freundschaften entwickelt und aus einem zunächst fremden und unbekannten Land wurde ein Stück Heimat. In dem ich mich mehr als wohl fühle. Und für mich wie ein zu Hause ist. Ein zweites zu Hause.

Gerüche, die mir kurz nach meiner Ankunft streng und ungewohnt in die Nase gestiegen sind, Geräusche der Straße, die mich anfangs aus meinem Schlaf gerissen haben, sowie das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden und anders zu sein. Immer noch sind es die gleichen Gerüche, Geräusche und die gleichen Blicke und Fragen, doch sie sind normal. In den letzten 12 Monaten ist vieles passiert und meine Wahrnehmung auf viele Dinge hat sich verändert: Alles Routine. Aus wow jetzt sind wir schon 7 Monate hier wurde schnell, uns bleiben noch 3 Monate – noch 3 Wochen und in wenigen Tagen geht es schon wieder zurück. Von Puerto Plata im Norden der Insel zurück ins herbstliche Deutschland.

21 Tage später:
9.16 pm
30 Juli 2017
Barrio Invi, Los Alcarrizos
Dominikanische Republik

Das Auto hält an, die Rückbank ist voll und wir quetschen uns zu zweit auf den Beifahrersitz. Wir zahlen jeweils 25 Dominikanische Pesos. Wir, das sind Manuel und ich. Manuel ist 21 Jahre alt und ist einer unserer vieler Nachbarn, er wohnt in einer knall grün gestrichenen Wohnung gegenüber von uns. Nach 15 Minuten lässt uns der Fahrer am Straßenrand raus. Wir sind am „Mercado de los productores“ angekommen. Tagsüber, vor allem samstags, herrscht reges Gedränge auf dem Markt. Hier werden tropische Früchte, Gemüse, Haushaltsgegenstände, sowie gebrauchte elektronische Geräte und Kleidung verkauft. In den schmalen Gassen wird auf dem Boden und auf klapprigen Holztischen die Wahre ausgebreitet und um den Preis gefeilscht.
Doch jetzt ist es Sonntagabend, 21 Uhr und die Menschen befinden sich vor ihren Häusern, in den Bars und Diskotheken. Manuel, der vor einigen Monaten zu uns in die Nachbarschaft gezogen ist, war früher hier zu Hause. Im Barrio „Invi“, im Zentrum von Los Alcarrizos. Wir überqueren die Straße, vorbei an einer Tankstelle und verschiedenen Essensständen. Frittiertes Huhn, Schwein oder „Empanadas„. Es riecht nach Frittierfett und den qualmenden Motoren der Motorräder. Auf der linken Seite befinden sich einige Colmados, Werkstätten und andere Geschäfte. Auf der gegenüberliegenden Seite 5 stöckige Wohnkomplexe. Die Straßen und die Fassaden der Häuser sind heruntergekommen und werfen lange und dunkle Schatten im Licht der orangenen Straßenlaternen. Wir biegen um eine Ecke. Rechts und links von uns nackte Betonwände. Wir biegen noch einmal ab, laufen durch einen Laden und spätestens jetzt habe ich die Orientierung verloren. Hin und wieder grüßen wir Freunde und Bekannte Manuels, doch nach einer kurzen Begrüßung gehen wir weiter. Manuel gibt mir zu verstehen ihm zu folgen. Wir betreten die Treppen, die in die oberen Stockwerke des Gebäudes führen. Zu dieser Zeit ist noch relativ viel los. Auf den Stufen, Jugendliche und junge Erwachsene deren Gesichter in der Dunkelheit kaum zu erkennen sind. Die Treppe ist schmal und im Rücken spüre ich ihre Blicke. Uns kommt ein kleines Mädchen mit einem pinken Rock entgegen, sie springt Manuel freudig auf den Arm. Sie ist schüchtern und kann mir nicht in die Augen schauen. Und schon stehen wir in einer der winzigen Wohnungen. Es ist Platz für einen Tisch, eine kleine Kochecke und ein Schlafzimmer. Ich fühl mich eingeengt.
Umso besser ist das Gefühl als wir wenige Minuten später auf einem nebenan liegenden Hausdach stehen. Der ganze abendliche Trubel von oben. Hupende Autos, Menschen die vor den Kneipen und Essenständen sitzen und zur gleichen zeit Musik aus allen möglichen Richtungen. Wir bleiben nicht lange. In meinen Taschen ein paar Pesos die für heute Abend reichen sollten. Manuels eigentliches Ziel eine nahegelegene Billardbar. Die Straße vor dem Eingang ist voll mit Motorrädern, Rollern und anderen geparkten Gefährten. Auf der Eingangstür der Hinweis: Schusswaffen, Zigaretten und Minderjährige – VERBOTEN. Da ich Nichtraucher bin, 19 Jahre und den Umgang mit Handfeuerwaffen meide, darf ich rein. Ich werde vom Türsteher abgetastet. Als er mir in die Augen schaut löst sich seine düstere Mine auf und er meint: „Ey, du bist doch der Blonde mit dem Fahrrad!“ Richtig, genau der bin ich: Ich, der Blonde, der jeden Morgen um kurz vor 8Uhr mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Er erklärt mir, dass er unter der Woche tagsüber Polizist ist und mich jeden morgen auf meinem Fahrrad sieht und mich grüßt. Er klatscht mich ab, freut sich und lächelt. Die Tür geht vor mir auf und das grelle Licht, sowie die eiskalte Luft von innen kommen mir entgegen. Die auf Hochtouren laufende Klimaanlage lässt mir die von draußen mitgebrachten Schweißperlen in kalte Wassertropfen auf meinem Rücken umwandeln. Mir ist kalt und brauche einen kurzen Moment um Manuel unter den ganzen Menschen zu finden. Er steht bereits mit einem Billardstock in der Hand und mit weiteren Freunden bereit an einem Spieltisch. Gespielt wird um Geld und Bier.
Ich schaue mich um:
Auf mir lasten die Blicke der gesamten Bar.

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4 Gedanken zu “Karibische Kuchenkrümel

    1. Lieber Paul,
      ich habe deine Erzählung mit großem Interesse gelesen. Das ist ja fast poetisch! Und die Bilder habe ich auch irgendwie auf meinen Bildschirm gebracht. Ich freue mich, das du das vergangene Jahr so toll gemeistert hast und dass du auch so viel Positives erlebt hast. Ich freue mich darauf, dass wir uns bald wiedersehen und habe vor, dich während deines Aufenthalts in Cordoba zu besuchen. Dein Opa.

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